Die Politik der Moderne ist ein Kapitel der Religionsgeschichte. Die großen revolutionären Umbrüche, welche die vergangenen zwei Jahrhunderte entscheidend prägten, waren Episoden der Glaubensgeschichte – Wegmarken, die den nicht enden wollenden Zerfall des Christentums und den Aufstieg politischer Religionen anzeigen. Unsere Welt am Beginn des neuen Jahrtausends ist übersät mit den Trümmern utopischer Projekte, die zwar säkular auftraten und sich religiösen Vorstellungen widersetzten, in Wirklichkeit aber von religiösen Mythen getragen waren.
Kommunismus wie Nationalsozialismus beanspruchten, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen zu beruhen – im Fall des Kommunismus auf der Pseudowissenschaft des historischen Materialismus, im Fall des Nationalsozialismus auf dem Sammelsurium einer »wissenschaftlichen Rassenlehre«. Die Verwendung pseudowissenschaftlicher Begründungen fand aber mit dem Zusammenbruch des Totalitarismus, der im Dezember 1991 im Zerfall der Sowjetunion gipfelte, keineswegs ein Ende. Neokonservative Theorien setzen sie fort. Denn folgt man ihnen, so mündet die Entwicklung der gesamten Welt in ein und dieselbe…